Michael Stich
101 ICON Sports Person of the Year
Nach seiner glanzvollen Tenniskarriere hat sich Michael Stich weit über den Sport hinaus als Visionär etabliert. Bereits 1994 gründete er mit der Michael Stich Stiftung eine
gemeinnützige Organisation für HIV-infizierte und an Aids erkrankte Kinder und deren Familien. Die Stiftung arbeitet bundesweit unbürokratisch mit Kliniken, Aidshilfen und
Schulen zusammen und wirkt präventiv durch Aufklärung und gezielte Hilfe im Alltag. Für dieses Engagement erhielt Stich unter anderem den Deutschen Stifterpreis (1997) und wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Auch beruflich engagierte er sich über viele Jahre hinweg – als Turnierdirektor in Hamburg und Braunschweig sowie als TV-Experte beim Wimbledon-Turnier. Im Jahr 2023 wurde er mit der Goldenen Sportpyramide der Stiftung Deutsche Sporthilfe für sein Lebenswerk geehrt – eine Auszeichnung, die ausdrücklich auch sein gesellschaftliches Engagement würdigt.
„Ich möchte mein Potenzial ausschöpfen.“
Michael Stich über die Basis und den Erfolg seiner schon 1994 gegründeten Stiftung, Papier als Werkstoff für seine abstrakte Malerei und die Ehre der Mitgliedschaft im All England Lawn Tennis Club.
Herr Stich, Sie haben noch während Ihrer aktiven Tenniszeit im Alter von 25 Jahren die Michael Stich Stiftung gegründet. Was war Ihre Motivation?
Ich wollte gerne von meinem Glück und meinem Erfolg etwas zurückgeben. An Menschen, denen es nicht so gut geht und die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, HIV-infizierten Kindern zu helfen. Grundidee der Stiftung ist, den Kindern ein Lachen zu schenken.
Wie hat sich die Stiftung im Lauf der 30 Jahre entwickelt?
Wir haben sehr viel erreicht und einem Großteil aller HIV infizierten Kinder in Deutschland helfen können. Wir haben ein großartiges Netzwerk von Partnern, Förderern und Unterstützern, das die Basis für die Arbeit der Stiftung ist. Im Laufe der 30 Jahre ist eine tolle Gemeinschaft entstanden.
Liegt Ihnen ein Projekt der Stiftung besonders am Herzen?
Das könnte ich nicht sagen. Aber wir arbeiten sehr eng mit der Kinderklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zusammen. Das Team macht eine tolle Arbeit und wir haben eine sehr enge Beziehung. Mit der Charité in Berlin ist es ähnlich. Am schönsten ist es, Bilder von Momenten zu bekommen, die Kindern Freude bereitet und ihnen ein Lachen ins Gesicht gezaubert haben.
Gibt es auch einen Erfolg, der Sie am meisten bewegt hat?
Meinen emotionalsten Erfolg hatte ich 1993 am Hamburger Rothenbaum. Denn dort schloss sich ein Kreis von meiner Kindheit bis hin zum Profi. Mit diesem Turniersieg ging für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung.
Welche Entwicklungen im Profitennis verfolgen Sie aktuell mit besonderem Interesse?
Das Spiel hat sich im Vergleich zu meiner Zeit sehr verändert. Es ist athletischer, aber auch, wie ich finde, eindimensionaler geworden. Aus diesem Grunde hoffe ich, dass wieder eine Generation heranwächst, die mehr Serve und Volley spielt und kreativer ist.
Als Tennisprofi haben Sie viel in Hotels übernachtet – hat Sie ein Hotel besonders beeindruckt? Und warum?
Ich erinnere mich gerne an das Hotel Peninsula in New York. Zum einen, weil es mit Jugendstil-Möbeln eingerichtet war. Aber auch, weil es die Menschen dort geschafft haben, dass ich mich wie zu Hause gefühlt habe.
Kann ein Hotel für Sie neben der bloßen Übernachtung auch ein inspirierender Ort sein?
Absolut. Das Wichtigste sind die Menschen, denen man dort begegnet, sowohl Mitarbeiter als auch Gäste. Begegnungen können sehr inspirierend sein.
Sie haben 2023 erstmals eigene abstrakte Werke auf Japan- und Chinapapier ausgestellt. Was reizt Sie an der Kunst und besonders an der Malerei?
In der abstrakten Malerei muss man die Fähigkeit besitzen, sich dem Prozess zu unterwerfen. Man muss loslassen und auch dem Zufall Raum geben. Zumindest geht es mir so. Der Werkstoff Papier ist für mich spannend, weil er eines der ältesten Materialien ist, auf dem Menschen Geschichten notiert haben. Auch ich nutze Papier als Transporteur einer Botschaft, nur dass meine Botschaft Bilder sind.
Profisport, großes soziales Engagement und künstlerisches Schaffen – das klingt nach einem vollen Leben. Was treibt Sie noch an?
Einfach Dinge tun, die mir wichtig sind. Es geht mir nicht darum, einem Plan zu folgen, sondern vielmehr darum, mir selbst gerecht zu werden und mein Potenzial auszuschöpfen. Das Leben soll Spaß machen. Das versuche ich zu erreichen, auch wenn es nicht jeden Tag gelingt.
Unter welchen Gesichtspunkten wählen Sie neue Projekte aus?
Wir haben viele langjährige und nachhaltige Projekte. Nachhaltigkeit ist uns dabei sehr wichtig. Aber neue Anträge, die unserer Satzung entsprechen, werden von uns immer offen angeschaut. Sie müssen jedoch über Institutionen oder Vereine zu uns kommen, nicht von Einzelpersonen. Das können wir nicht leisten.
Inwieweit sind Sie heute noch ins professionelle Tennisgeschehen eingebunden?
So gut wie gar nicht mehr. Natürlich verfolge ich Tennis, denn es interessiert mich und ich kommentiere ja Wimbledon für Amazon Prime. Da muss man schon wissen, was passiert.
Welche Verbindung haben Sie noch zu Wimbledon?
Der All England Lawn Tennis Club in Wimbledon ist ein wunerbarer Ort. Ich bin sehr gerne dort, denn er erinnert mich an den wichtigsten Sieg meiner Karriere. Dort Mitglied zu sein, ist ein sehr großes Privileg und eine Ehre.
Sie haben viele bemerkenswerte Erfolge gefeiert – war denn der Wimbledon-Einzelsieg von 1991 rückblickend Ihr größter?
Ja, aus sportlicher Sicht war es der wichtigste und größte Erfolg. Knapp dahinter kommt für mich die olympische Goldmedaille.